„So sehr ein Mann sich auch selbst empfiehlt, so sehr begünstigt die Empfehlung eines Freundes
die ersten Augenblicke der Bekanntschaft.“ Johann Wolfgang von Goethe

Artikel zum Thema Agiles Projektmanagement

Agilitätsgewinn.

Der standardisierte Ablauf vieler Business Intelligence-Projekte erweist sich oft als zu starr. Agile Methoden und Betriebskonzepte können helfen, die Vorhaben flexibler zu gestalten.

 

Erst das Lastenheft erstellen; danach das Pflichtenheft erarbeiten; im Anschluss die Feinkonzepte machen. Dann kommt die Umsetzung, gefolgt von Test, Schulung und Inbetriebnahme. So sieht der standardisierte Ablauf in vielen Business Intelligence-Projekten aus. Dieser zielt darauf ab, eine möglichst vollständige Übersicht über die zu entwickelnden Bausteine, genauso wie den Lösungsweg und die Zielstruktur zu erhalten, bevor die aufwendige Umsetzung beginnt. Damit können Fehlentwicklungen vermieden sowie Zeit- und Kostenbudgets eingehalten werden. Doch ist dieses Vorgehen wirklich zielführend und ohne Alternative?

Ohne Zweifel ist eine gute Erarbeitung der fachlichen Anforderungen, die Definition von Sinn und Zweck eines neuen Konzepts oder Systems zu Beginn der Arbeiten von essentieller Bedeutung für ein erfolgreiches Business Intelligence-Projekt. Ohne ein klares Ziel vor Augen, ist der Weg nicht zu bestimmen. Doch wie detailliert und gegliedert soll die Beschreibung des Wegs erfolgen?

Problem 1: Qualität & Vollständigkeit.

Ein Konzept für ein BI-Projekt ist sehr umfangreich. Die Anforderungen erweisen sich oft als sehr vielfältig: fachliche Spezifikationen müssen aufgenommen und dokumentiert, prozessuale Zusammenhänge geklärt und beschrieben werden. In der Regel müssen der Istzustand, die erforderlichen Anpassungsmaßnahmen und der Zielzustand aufgenommen werden.
Daneben werden durch das Projekt, welches das ohnehin fordernde Tagesgeschäft ergänzt, die Kapazitäten der Mitarbeiter an die Grenze des Möglichen gebracht. Dass unter diesen Umständen letztlich doch nicht alle Inhalte vollständig spezifiziert und dokumentiert werden können, ist nicht verwunderlich.

Problem 2: Interdependenzen.

Neben den fachlichen Sachverhalten sind datenbanktechnische Zusammenhänge zu betrachten und neu zu konzipieren. Die Lösung muss alle diese Bereiche abstimmen und zusammenführen. Und das, obwohl zumeist vollkommen unterschiedliche Anforderungen und Voraussetzungen bestehen und die ausführenden Personen entweder nur die fachliche oder die technische Seite abdecken und verstehen.
Je größer und umfassender die Aufgabe, desto schwieriger wird es, alle Wechselwirkungen zwischen den Lösungsbausteinen übergreifend zu erfassen.

Problem 3: Optimale Lösungswege.

Leider entwerfen Mitarbeiter aus dem Controlling- und dem Informatikbereich ein solches System nur selten. Deshalb fehlt oft die klare Beschreibung des Zielsystems mit der Definition erforderlicher und gewünschter Funktionen. Viele Themen sind zu Beginn der Konzeption unklar – und bleiben es lange Zeit. Auch externe Kräfte haben häufig kaum eine Chance, wirklich alles richtig zu verstehen und abzubilden.

Lösung: Agiles Vorgehen.

Was also tun? Eine sinnvolle Alternative sind agile Projektansätze. Selbstverständlich gibt es auch hier ein definiertes Gesamtziel und gesetzte Anforderungen. Der Lösungsweg und viele Details aber werden nach und nach in Iterationen entwickelt, die Themen schrittweise angegangen. In sinnvolle Bausteine zerlegt, nutzen die Business Intelligence-Experten Lernkurven, um eine Gesamtlösung einfacher und effizienter zu erreichen.
Aus der Softwareentwicklung stammend, folgt die agile Methode dem Grundsatz, flexibel und mit weniger Regeln auszukommen. Der konkrete Ablauf sieht dabei so aus, dass gezielt einzelne Systemfunktionen wie vor allem Konzeptions- und Umsetzungsaufgaben herausgenommen und einzeln gelöst werden. Dies erfolgt in enger Abstimmung mit den Kunden und bindet diese eng ein.
Gerade bei komplexen Aufgabenstellungen, wie sie häufig in BI-Projekten zu finden sind, bieten die Ansätze solch agiler Methoden wie Scrum, Kanban, Extreme Programming und Behavior Driven Development sowie die Einhaltung der Werte des «Agilen Manifests» von US-Entwicklern und -Beratern große Vorteile.

Vorteile im Überblick.

  • Die Anforderungen müssen beim Start noch nicht vollständig bekannt und strukturiert sein.
  • Jeder einzelne Baustein wird klar beschrieben und transparent entwickelt. Die Arbeit kann zeitlich besser aufgeteilt und Doppelaufwand durch die Korrektur von Fehlentwicklungen oder schlichten Missverständnissen vermieden werden.
  • Es gibt einen spürbaren und sichtbaren Projektfortschritt, der durch klare Begriffsklärungen das Bewusstsein für Details stärkt und sogar eine frühe Nutzung von Teilergebnissen zulässt.
  • Die Anpassung des Konzepts oder einer Entwicklung an neue, sich verändernde Anforderungen ist wichtiger als die Einhaltung des Plans.
  • Es kann ein umfangreicher Know-how-Transfer erfolgen, wenn die Anwender eng in jeden Schritt eingebunden sind. Fortschreitend gewinnen sie Erfahrung und Wissen, können ihre Präferenzen besser bestimmen und durch die gewonnenen Kenntnisse treffender formulieren. Gerade in weitreichenden Umfeldern, wie einem BI Competence Center, ist der Wissensaufbau unter den später verantwortlichen Mitarbeitern über alle relevanten Bereiche hinweg äußerst wichtig.
  • Eine Visualisierung, zum Beispiel mithilfe des Kanban-Entwicklungsmodells, hat neben der klaren Benennung von Status und Verantwortung den Vorteil, dass alle Aufgaben und deren Bewältigung einfach und verständlich dargestellt werden können.
  • Prototypen und Teillösungen machen den Entwicklungspfad sicherer und reduzieren die Change Requests. Auch beim Einsatz klassischer Methoden, welche sich zum Beispiel am V-Modell orientieren, kann ein Prototyping eingesetzt werden. Mithilfe agiler Ansätze aber läuft alles konsequenter.
  • Durch den schrittweisen Aufbau und die Zusammenführung der Kunden und Experten werden gezielt Best Practice-Ansätze und Bausteine in die Entwicklung aufgenommen.
  • Am Ende kann eine solche Lösung deutlich besser sein als eine von Beginn an vollständig geplante Umgebung, die oft bald nach dem Start nicht mehr optimal arbeitet.

Über das Einführungsprojekt hinaus kann ein agiler Ansatz den Betrieb und die Weiterentwicklung etwa eines BI Competence Centers hervorragend unterstützen. Auch hier sind ähnliche Problemstellungen zu finden. Es wird immer wieder nach Lösungen gesucht, die fachliche und technische Anforderungen kombinieren und komplexe Sachverhalte abbilden sollen.

Sobald die Anwender mit den agilen Methoden vertraut sind, unterstützen diese die Arbeit optimal. Aufgabenlisten, Status, Anfragen oder Supportfälle können so effizient bedient werden. Ob ein agiles Verfahren tatsächlich eingesetzt wird oder einzelne Merkmale, sogar verschiedener agiler Methoden, zur Anwendung kommen, hängt vom konkreten Fall ab.

Es gibt heute sehr gut unterstützende Software, wie zum Beispiel Komponenten des Anbieters Atlassian, die über flexible Web-Oberflächen und auch via Cloud die Nutzung dieser Methoden einfach und effizient machen. Der dadurch entstehende Aufwand ist sehr gering – meist weniger als im klassischen Projektvorgehen.

 


Ein Beitrag von Jürgen Rost, Geschäftsführer der HENDRICKS, ROST & CIE. GmbH

Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net
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