„So sehr ein Mann sich auch selbst empfiehlt, so sehr begünstigt die Empfehlung eines Freundes
die ersten Augenblicke der Bekanntschaft.“ Johann Wolfgang von Goethe

DIE HENDRICKS-KOLUMNE

Spökenkiekerei.

Die Begeisterung für Künstliche Intelligenz und Predictive Analytics ist oft irrational. Zwar bieten die neuen IT-Werkzeuge zahlreiche Innovationen. Aber es gibt noch viele Probleme und Begrenzungen.

Mit Spökenkiekerei bezeichnet der Volksmund im Norden Deutschlands die Fähigkeit bestimmter Menschen, als eine Art Zweites Gesicht zukünftige, meist schreckliche Ereignisse vorhersagen zu können. Die alten Griechen befragten das Orakel von Delphi; und die römischen Auguren versuchten, die Zukunft aus den Eingeweiden von Tieropfern abzulesen.

Die jahrhundertealte Tradition des Hellsehens hat viel mit der heutigen IT zu tun. Vor allem im Gebrauch von Disziplinen wie Künstlicher Intelligenz (KI) und Predictive Analytics manifestiert sich die tief im Menschen verankerte Sehnsucht, etwas über die eigene Bestimmung zu erfahren.

Die Prognosen werden von Computersystemen ausgeführt, deren kybernetisches Konzept auf den mystischen, mittelalterlichen Golem zurückgeht – eine von Weisen aus Lehm geschaffene stumme, menschenähnliche Figur, die aufgrund außergewöhnlicher Kräfte den Menschen bei der Bewältigung von Aufgaben hilft. Auch Filmfiguren wie etwa Doktor Frankenstein und sein aus Leichenteilen zusammengeflickter, künstlicher Mensch oder der Supercomputer HAL 9000 des Science Fiction-Streifens «2001: Odyssee im Weltraum» belegen dieses Muster.

Informatik, Science-Fiction und der moderne Golem.

Bis heute lässt sich die Informatik durchaus von der Science Fiction inspirieren und entwickelt zunehmend Systeme, die den Filmvorbildern nahekommen. Der moderne Golem kann, wie die digitalen Assistenten Siri, Alexa oder Cortana zeigen, mittlerweile sogar sprechen.

Doch so beeindruckend die Künstliche Intelligenz auch erscheint, sie ist noch endlos weit entfernt davon, eine eigene Individualität zu entwickeln. Und Predictive Analytics wird uns nicht dabei helfen, unsere eigenen Lebenswege vorherzusehen.

Was aber leisten all diese Systeme? Und was haben sie miteinander zu tun? Ein wesentliches Merkmal von Intelligenz ist die Fähigkeit, Muster zu erkennen. Diese Strukturen können in Form kausaler Zusammenhänge vorkommen oder in sonstigen Ähnlichkeiten jeglicher Fasson. Ist ein Muster einmal erkannt, zum Beispiel ein bestimmtes Kaufverhalten von Menschen, lässt sich eine genaue Zeitinvarianz postulieren, sodass dieses Verhalten auch für das zukünftige Kaufverhalten gilt. Innerhalb einer gewissen Ungenauigkeit können auf dieser Grundlage recht zuverlässige Vorhersagen und Planungen aufgesetzt werden.

Die Grenzen von KI und Predictive Analytics.

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Die immer häufiger disruptiven Veränderungen unserer modernen Welt werfen das ganze Modell oft über den Haufen. Zwar helfen uns auch dann die Methoden der Data Scientists, mögliche Zustände im Vorfeld zu beschreiben und auf der Basis von Simulationen zu bewerten. Aber schon allein die Bewertung einer Prognosegüte füllt seitenweise Bücher der Statistik, und jede Art von Vorhersage muss sich am Ende vor dem stets relativierenden Hintergrund des Weißen Rauschens nicht korrelierter Zufallskomponenten bewähren.

So hip die Themen KI und Predictive Analytics auch gerade sind: Die Erwartungen sollten realistisch bleiben. Denn selbst die ausgereiften statistischen Tools von R bis SPSS sind keine softwaretechnischen Thermomixe, die vom Rezept bis zum fertigen Gericht idiotensichere Ergebnisse ermöglichen.

Es wäre nun Spökenkiekerei, vorhersagen zu wollen, wie schnell sich die Künstliche Intelligenz in unsere Alltagswelt integriert. Wenn es nach meiner kindlichen Sehnsucht ginge, flögen wir längst mit Raketenrucksäcken à la «Jetsons» zur Arbeit.
Doch leider finden nicht alle filmischen Ideen praktische Umsetzungen. Auch der »Rocketman» der Olympischen Spiele von 1984 in Los Angeles blieb leider nur ein Prototyp.

Ich erwarte von Künstlicher Intelligenz jedenfalls mehr als nur die Gesichtserkennung meines iPhone oder plumpe Kaufvorschläge von Amazon.

Autor: Frank Hendricks, geschäftsführender Gesellschafter von HENDRICKS, ROST & CIE.



Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net
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